DIE SONDERBAREN LEIDEN DER THERES VON KONNERSREUTH - EINE HYSTERIENGESCHICHTE
Theres Neumann, die sich auch "Heilandsreserl" nannte, starb in den späten Septembertagen 1962 an den Folgen eines Herzanfalls. Zuvor übte sie fast vierzig Jahre lang mit großer Hingabe ihren Beruf aus. Ihr Beruf war: Leiden und Opfern. Als Krönung ihres opferreichen Daseins kam die Stigmatisierung dazu. Die Leidensbraut, als die sie sich gerne sah, litt und opferte für Lebende und Tote. In der Hauptsache aber für Priester und Sünder. So für ihren Pfarrer aus der Jugendzeit, der sich, so die Überlieferung, versündigte, weil er Theres in der Kindheit gerügt hatte. Er soll nicht erkannt haben, dass nicht er, sondern der Heiland höchstpersönlich der Theres die Erste Kommunion reichte. Wie Theres wusste, musste der Pfarrer deswegen für länger ins Fegefeuer. Von dort aus hätte er sie um "erlösendes Sühneleiden" ersucht. Aus dem Mund der Theres Neumann hörte sich die Entschuldigung des Pfarrers aus dem Jenseits so an: "Bete doch für mich, ich habe dich doch getauft und dir die Erste heilige Kommunion gereicht. Ich habe Dich hernach bestraft, weil ich dich für zerfahren hielt; ich wusste ja nicht, dass dein Verhalten auf eine außerordentliche Erscheinung zurückging."
Auch einem Spottkartenschreiber, der partout nicht an die Wunder von Konnersreuth glauben wollte, ereilte ein böses Schicksal. Wie Theres in einer Vision gesehen haben will, stürzte der Spötter bald nach seiner Lästerung und "hatte viel zu leiden". Erst ihr hartes Sühnen, so sagte sie, hätte ihn von seiner Pein erlöst und zur Reue bewogen. Weitere Sühneopfer folgten. Sogar Trunksüchtige wurden Resels heilsbringender Gnade teilhaftig. Stellvertretend nahm sie - jederzeit opferbereit - sogar deren Schnapsräusche auf sich. Und auch das dazugehörende Kotzen. Es wird berichtet, dass sie sowohl im Haus Gottes als auch in dem ihrer Eltern Bier und Schnaps erbrechen musste. Tage später noch soll es dort widerwärtig nach Fusel gestunken haben. Warum sie allerdings für diese Art von Sühneleiden "im Gartenhaus an einer Flasche tanken" musste, wie ihre Nachbarin beobachtete, noch dazu, wo sie zu diesem Zeitpunkt ja schon jahrelang angeblich ohne Nahrungsaufnahme lebte, wird wohl für immer ungeklärt bleiben.
An ein wahres "Wunder" grenzt aber, dass die "Leidensblume von Konnersreuth" (Theres über sich selbst) von Mitmenschen sogar Krankheiten übernehmen konnte, die diese gar nicht hatten. Bei einem Geistlichen zum Beispiel handelte es sich um ein tuberkulöses Halsleiden. Obwohl er bei einschlägigen Einvernahmen immer wieder beteuerte, niemals an einem derartigen Leiden erkrankt gewesen zu sein, ging sein Fall in die "Wunderchronik von Konnersreuth" ein. Überdies stimmt die Tatsache, dass Besucher von Konnersreuth bei der Stigmatisierten nie blutende Wunden, sondern immer nur geronnenes Blut sehen konnten, bedenklich. Regelmäßig mussten die Anwesenden den Raum verlassen, bevor Theres zu bluten begann. Diese und viele andere Ungereimtheiten lassen die Vorgänge weniger als Mysterium denn als inszeniertes Spektakel erscheinen.
Wenn es sich bei den Konnersreuther Phänomenen aber um kein Wunder handelt, worum dann? Um Hysterie? Um Betrug? Die von Theres Neumann Überzeugten verwahren sich vehement dagegen, dass ihr Reserl eine Hysterikerin, gar eine Schwindlerin gewesen sein könnte. Als schlagenden Beweis führen sie die "kindliche Natürlichkeit" und Offenheit ihres Idols an. Tatsächlich beeindruckte Therese Neumann durch ungeheure Infantilität. Aber auch durch ihr aufbrausendes, jähzorniges Wesen. Aussagen wie: "Wenn ich einmal gach gewesen bin, dann hab ich den Heiland gleich gach gern, damit er's wieder auslöscht"; oder "Heiland hilf dem N.N., ich werd dafür im nächsten Monat zu den Besuchern besonders lieb sein" werfen ein bezeichnendes Licht auf die Unbedarftheit der Konnersreuther Leidensblume und ihre Selbstüberschätzung in bezug auf Gott. Wie wichtig musste die Resel doch für ihren Heiland gewesen sein, dass sich der sofort in ihre Dienste stellte, nur weil sie versprach, lieb zu sein!
Ob der Gekreuzigte in ihren Visionen seinen "todesmüden, aber Dank und Anerkennung verheißenden Blick" auf sie warf oder ihr zuliebe sogar vom Kreuz herabstieg - immer hatte es den Anschein, als wäre er seiner Leidensbraut zu Dank verpflichtet. Dazu hatte er, laut Reserl, auch allen Grund. Denn nur durch sie konnte er gütig sein, ließ sie verlauten. Die Erklärung: "Sieh mal! Der Heiland ist gerecht. Deswegen muss er strafen. Er ist aber auch gütig und will helfen. Die Sünde die geschehen ist, muss er bestrafen. Wenn aber ein anderer das Leiden übernimmt so geschieht der Gerechtigkeit Genüge, und der Heiland erhält Freiheit für seine Güte." Woher aber nimmt der Ärmste jetzt, wo es das Reserl nicht mehr gibt, diese "Freiheit für seine Güte"?
Wen wundert es daher, dass er in den Gesichten der Theres schon als Neugeborenes, im Stall zu Bethlehem, von seiner Mutter weg hin zu seiner zukünftigen Leidensblume wollte: "...es breitete gegen mich seine Ärmchen aus und lächelte mir zu. Es sah aus als wollte es zu mir." So gesehen überrascht es nicht, dass sie der "Liebling des Heilandes" blieb, auch wenn sie einmal keine Lust hatte, mit ihm zu sprechen. Am Karsamstag 1927 etwa verkündete sie: "Heiland, ich hab' keine Zeit für Dich dass ich red mit dir; ich muss ausschlafen!"
Diese besondere Nuance kindlicher Natürlichkeit konnte die Hüter des Konnersreuther Schatzes tief bewegen. So rühmt der unermüdliche Chronist Johannes Steiner überschwänglich das infantile Gemüt dieser auserwählten Frau. Dürftige Sätze wie "Wehi (Schmerzen) haben is mei Beruf" oder "Gelt Jesulein, Du redest deutsch mit mir", künden ihm ebenso von ihrem kindlich unschuldigen Wesen wie ihre selbst erfundenen Gebete. Ihr Liebesrosenkranz: "Heiland ich hab Dich so lieb. Heiland Du bist so gut". Ihre Lobpreisung: "Du bist so lieb, Du bist so gut, Du bist so mächtig".
Warum gerade die besonders stark ausgeprägte Infantilität - die für Hysterie symptomatisch ist - beweisen soll, dass Theres Neumann keine Hysterikerin war, bleibt rätselhaft. Die Ansicht, es wäre natürlich, fast schon wünschenswert, dass eine Erwachsene sich wie eine Fünfjährige verhält, spricht für sich selbst. Nur dem Erzbischof Teodorowicz dämmerte trotz aller Bewunderung kurz einmal die Wahrheit: "Mitunter benimmt sie sich dem Heiland gegenüber wie ein verwöhntes Kind. Sie schreckt nicht einmal davor zurück, ihm kleine kindliche Vorwürfe zu machen." Doch verscheuchte er diese beunruhigenden Gedanken alsbald wieder. Fortan pflegte er das distanzlose, überhebliche Verhalten der Resel als "vertrauliche Seelenzärtlichkeit" auszulegen.
Um beurteilen zu können, ob die Konnersreutherin eine Hysterikerin war oder nicht, soll die weltweit anerkannte Definition nach Chodoff und Lyons herangezogen werden: "Der Terminus hysterische Persönlichkeit kann auf Personen angewandt werden, die eitel und egozentrisch sind, die eine labile und reizbare, aber oberflächliche Affektivität zeigen, deren dramatisches, aufmerksamkeitsheischendes und theatralisches Verhalten bis zu den Extremen des Lügens oder der Pseudologie gehen kann, die von sexuellen Dingen sehr eingenommen sind, sich sexuell provokativ verhalten, jedoch selbst frigide sind und die in den zwischenmenschlichen Beziehungen abhängig und fordernd sind".
Dass das Heilandsreserl labil reizbar, "gach", infantil, egozentrisch war, wurde bereits angeführt. Und aufmerksamkeitsheischend, theatralisch war sie mehr als genug. Einmal weigerte sie sich das Blut vom Gesicht abwaschen zu lassen, bevor der Postautobus nicht neue Besucher nach Konnersreuth gebracht hatte. Auch dass sie mit blutbeschmierten Gesicht durch den Ort lief oder anlässlich einer kirchlichen Feier ihre Wundmale ungefragt geistlichen Würdeträgern zeigen wollte, verweisen auf starke Geltungssucht und ein unbezwingbares Bedürfnis im Mittelpunkt zu stehen.
Auch ihre zur Schau gestellte Demut und ihre reichlich übertriebene Bescheidenheit wirken auf nüchterne Betrachter eher abstoßend als natürlich. So liebte sie es, ihre Briefe mit "Deine armselige Theres“ (bzw. armselige Freundin oder armselige Mitschwester) zu unter schreiben. Auch ihre Ergebenheit mutet eher oberflächlich und unecht an. Sie erniedrigte und entwertete sich in derart aufdringlicher Weise, dass dieses Verhalten nur unschwer als die Umkehrung dahinter stehender Größenphantasien und Machtansprüche zu erkennen ist. Ihre Demut und Bescheidenheit endet allerdings dort, wo Menschen nicht an sie glauben wollten. Diese verfolgte sie in der Realität und in ihren Visionen mit hasserfüllter Rache. So jene vier Nonnen, denen die undankbare Aufgabe zufiel, die angebliche Nahrungslosigkeit der Theres zu überwachen. Diese tyrannisierte die Resel mit Sühneleiden ganz besonderer Art. Sie lag strampelnd im Bett und ließ über den Heiland wissen, warum sie für vier in ihrer Nähe befindliche Personen leiden musste: "Die urteilen lieblos gegen Herrn Pfarrer und gegen dich. Die sind innerlich anders gesinnt als nach außen. Sie tun dir schön und es ist immer aber anders" (aus der Sicht der Psychoanalyse eine klassische Projektion, frei nach dem Motto: „Wie der Schelm denkt, so ist er“) und "Diese vier, welche dem Heiland geweiht sind und ihn trösten sollen, die wollen keine Opfer bringen, auch die Gnaden kennen sie nicht, die ihnen zuteil werden." Dabei wollte sie sich immerzu in die Hand beißen und konnte von den Anwesenden nur mühsam davon abgehalten werden. Erst als die Schwestern Jesus über Theres bitten ließen, er möge ihnen verzeihen, falls sie ihn beleidigt hätten, fand dieses unwürdige Sühnespektakel ein jähes Ende. Eine Stimme soll der Resel nämlich mitgeteilt haben, "der Herr hat den Schwestern vergeben".
Nach all dem, was man von der Resel weiß, fällt es nicht mehr schwer, sie vom Betrugsverdacht freizusprechen. Sie war krank. Tatsächlich war sie ein nahezu klassischer Fall von Hysterie. Auch die Hintergründe des neurotischen Leidens lassen sich ohne weiteres in ihrer Lebensgeschichte auffinden. Theres Neumann hatte eine gestörte Beziehung zur eigenen Geschlechtlichkeit. Die heimliche, infantile Sehnsucht, ein Bub zu sein, klingt schon in folgender Feststellung an: "Aufs Feld habe ich mich immer gefreut; Stricken, Nähen, Häkeln, Sticken war mir zuwider." Zur Gänze zeigt sich dieser infantile Wunsch in immer wiederkehrenden Phantasien der Theres Neumann: "Wenn ich ein Bub wäre, werd ich auch ein Herr Pfarrer, dann dürfte ich auch den lieben Jesus halten. Wenn ich ein Herr Pfarrer wäre, ginge es dem Heiland schlecht, so fest drückte ich ihn zusammen mit den Händen, alleweil tät ich ihn streicheln, da werd ich nicht fertig, ... Wenn ich einmal in den Himmel komme, dann wird nicht mehr weggegangen vom Heiland, dann komme ich nimmer zu kurz ."
Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um zu erkennen, wofür der Heiland für Theres steht, was sie am liebsten den ganzen Tag streicheln und drücken möchte und worin sie sich einst als kleines Mädchen verkürzt fühlte. In der Identifikation mit dem Heiland wird sie zum Mann und über die Identifikation mit seinem Leiden erwirbt sie gleichzeitig einen grandiosen Phallus, den nun die ganze Welt bewundern soll. Auch dadurch, dass sich der Heiland allem Anschein nach in die Dienste der Theres stellt, erhält er für sie phallische Bedeutung. Er ist gleichsam ihr Vollzugsorgan. Gleichzeitig spiegelt sich in ihrer Beziehung zu ihm neben liebevoller Bewunderung auch hasserfüllter Neid. Im Laufe der angeblichen Verführung durch den Teufel enthüllt Theres ihr Unbewusstes. Für den Psychoanalytiker steht es außer Zweifel, dass der Teufel unbewusste Persönlichkeitsanteile Theres' selbst verkörpert und seine Reden ihre unbewussten Phantasien widerspiegeln.
Als Theres Neumann dem "Teufel" enthüllt, dass sie Freude am Heiland hat, lacht dieser spöttisch "Ha, da kannst Du Freude haben, wenn Du den hast; pfui, solche Freude." An welche Freuden der Teufel wohl denkt, als er "pfui" höhnt? Weiters soll der Teufel von der Resel gefordert haben, zum Heiland zu sagen: "Du Hund, du elender, du verfluchter, du angenagelter, hast dich bloß annageln lassen, damit alles zu dir laufe, aber ich mag schon nicht, du kannst tun, was du willst; wenn ich nicht mag, dann mag ich nicht. Meinetwegen kann leiden, wer will, ich leide nie mehr, von nun an kriegst du mich nicht mehr in deine Krallen; von heute an bin ich dir untreu."
Indem Theres ihre unbewussten Gedanken und Wünsche dem Teufel zuschreibt, ist sie auch in der Lage, sie auszusprechen und ihren ganzen Hass zu entladen. Denn nicht sie will es, sondern der Teufel. Somit wird aus der inneren Bedrohung durch die eigenen Wünsche und Gefühle über Projektion auf den Teufel eine scheinbar äußere. Das Böse hat mit ihr nichts mehr zu tun. Interpretieren wir die Reden des Teufels psychoanalytisch, so drücken sie unverhohlen die andere Seite der Heilandsbeziehung der Theres aus. Im Grunde beneidet Theres den Gekreuzigten dafür, dass er soviel Zulauf erhält. Nicht die Leiden wünscht sich Theres für sich, sondern die damit verbundene Aufmerksamkeit und Bewunderung. Sie will genauso im Mittelpunkt stehen und verehrt werden wie er.
Trotz ihrer Androhung zur Untreue ist Resel ihrer Rolle als Leidensblume von Konnersreuth bis zu ihrem Tod treu geblieben. Ohne dass jemand aus dem Konnersreuther Kreis jemals die wahren Beweggründe ihres Verhaltens durchschaut hätte. Mühelos gelang es ihr, der Hysterikerin, durch Inszenierung visionärer Trancen sowie der Freitagleiden und der Stigmatisierung, kirchliche Würdenträger bis in die höchsten Positionen hinters Licht zu führen. Nicht von ungefähr gehören dem engsten Konnersreuther Kreis vorwiegend Männer an. So verschaffte sie sich Ersatz für die vorenthaltene sexuelle Befriedigung als Frau. Gleichzeitig übte sie Rache am "starken Geschlecht", indem sie ihre "Bewunderer" und deren Leichtgläubigkeit lächerlich machte. Durch die Rolle der "auserwählten Leidensbraut" wurde es ihr möglich, diejenigen, die sie einmal beneidet hatte, zu unterwerfen und als blinde Vasallen zu manipulieren. Man kann ihr deswegen keinen Vorwurf machen. Theres Neumann war eine Hysterikerin. Nicht die Verkünder von Narreteien sind die Narren, sondern die, die ihnen Glauben schenken und zu ihrer Verbreitung beitragen.
Theres muss zu guter Letzt zugestanden werden, dass sie wirklich eine Leidende war. Sie hat ihr Leben lang genug gelitten. Wenn auch nicht an ihren Sühne- und Opferschmerzen, wie es den Konnersreuther Getreuen gefallen würde, so doch an neurotischem Elend und unerfüllter Liebe. Und das war schon schlimm genug.